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Schritt für Schritt über den Lykischen Weg in der Türkei

Raue Natur, schmale Pfade und antike Tempel - eine Wanderung auf dem Lykischen Weg von Kas nach Myra führt abseits der Touristenmassen an die eigenen Grenzen.

Zerklüftete Felsen: Der Lykische Fernwanderweg führt 500 Kilometer an der Mittelmeerküste entlang. (Quelle: Mirco Lomoth/Raufeld)

Der Muezzin ruft zum Wandern. Ein Minarett ist hier oben nirgendwo zu sehen, sein Gesang scheint direkt aus dem Universum zu kommen. Wir packen das Zelt ein und brechen auf, laufen auf rotem Boden, über vertrocknete Oliven, die niemand mehr erntet, über Kalksteingeröll und aufgerissene Böden. Der Pfad ist selten breiter als die Bresche, die Ziegenherden hier seit Jahrhunderten schlagen. Wie Ziegen laufen wir in einer Reihe, versuchen den losen Gesteinsbrocken auszuweichen, die überall im Weg liegen. Eine Kulturlandschaft, viel rauer als sie sich unsereins am Mittelmeer ausmalt.

Rund 500 Kilometer zieht sich der Lykische Weg entlang der türkischen Mittelmeerküste durch die Teke-Halbinsel zwischen Fethiye und Antalya, dem antiken Lykien. Er führt durch verlassene Landstriche, zu überwucherten Ruinen,in das bergige Hinterland auf bis zu 1.800 Meter Höhe, zu Stränden und entlegenen Weilern von Ziegenhirten. Die Lykier setzten hier in ihrer etwa tausendjährigen Geschichte gewaltige Städte in die Landschaft - Xanthos, Patara, Myra, Olympos. Machtzentren, die sie bis zur Eroberung durch das Römische Reich 43 n. Chr. halten konnten. Viel weiß man nicht über sie, ihre Orte wurden von späteren Schichten überlagert, Kirchen auf Tempel gebaut. Erhalten sind vor allem die monumentalen Sarkophage, die - für die Ewigkeit geschaffen - heute wie Fremdkörper am Wegesrand stehen.

Allein wandern in sengender Hitze

Rund vier Wochen braucht man, um ganz Lykien zu Fuß zu durchqueren. Wir beschränken uns auf eine Woche, wandern von Kas, dem antiken Antiphellos, bis nach Myra bei Demre. Das dunkelblaue Mittelmeer ist nie weiter als hinter dem nächsten Hügel gelegen, doch die Abkühlung muss hart erarbeitet werden. Selbst im Herbst kann es die Mittagshitze noch auf vierzig Grad bringen, im Juli und August muss hier die Hölle auf Erden herrschen. Die Zisternen der Hirten sind ausgetrocknet, unser Wasservorrat geht zu Neige. Menschen sind hier außerhalb der wenigen Ortschaften kaum anzutreffen und selbst die vereinzelten Ziegen, die beim Umzug auf die kühleren Sommerweiden in den Bergen vergessen wurden, schauen uns verständnislos hinterher - so kommt es uns vor. Mensch und Tier kommen erst zurück, wenn die Natur wieder ein freundlicheres Gesicht zeigt, so war es immer. Wir sind also allein mit unseren schweren Rucksäcken und mit allerlei unfreundlichen Hartlaub- und Dornengewächsen, die den Weg säumen.

Was zum Teufel tun wir hier? Warum haben wir nicht All-Inclusive im nahen Antalya gebucht, wie all die anderen, die mit uns im Ferienflieger saßen und jetzt bei einem kalten Efes-Bier am Pool liegen? Die Wahrheit ist, dass wir genau das Gegenteil gesucht haben: Dreck, Schweiß, Plackerei und mentalen Leerlauf. Eine Woche auf dem Lykischen Weg wirkt wie eine körperliche und geistige Generalüberholung. Unsere dreiköpfige Wandergruppe hat sich einmütig darauf verständigt, hier und jetzt mit Freude zu leiden und im Übrigen auf einen Schlag alles zu vergessen, was vorher wichtig war. Beides - Leiden und Vergessen - stellt sich spätestens ein, als wir uns mit hochroten Köpfen die letzten Meter eines vollkommen unbedeutenden, aber sehr steilen Hügels hoch kämpfen. Nur die Freude bleibt aus, vorerst.

Nach dem Abstieg zum Meer finden wir endlich den ersten nennenswerten Schatten unter einem Olivenbaum. Hier machen wir Halt, lassen uns mit den Zehen nach oben im nahen Meer treiben - eine Erfrischung trotz 26 Grad Wassertemperatur. Wir sind versöhnt.

Das Erblicken des nahen Meeres bietet nicht nur Hoffnung auf Erfrischung, sondern auch Versöhnung mit den Strapazen des anstrengenden Wanderpfades. (Quelle: Lomoth/Raufel)

Im nächsten Dorf gibt man uns reichlich Trinkwasser und gekühlte Feigen aus dem eigenen Garten. Die hennagefärbten Hände einer Frau reichen uns dünne Fladen selbst gebackenen Brotes und einen Beutel eingelegter Oliven, klein, schwarz, verschrumpelt - köstlich! Auf flachen Schemeln nehmen wir vor der Türschwelle Platz, der Mann und die Tochter setzen sich dazu. Wirklich verständigen können wir uns nicht, aber mit wohlwollender Gestik, einer Handvoll türkischer Vokabeln und eingestreuten Ortsnamen kommt doch so etwas wie eine Unterhaltung zustande. Sie bieten uns ein Nachtlager an. Wir antworten, indem wir die Hände zu einem offenen Dreieck formen und auf die Berge zeigen - ein eindeutiges "Nein danke, wir übernachten im Zelt", meinen wir.

Die Antike hautnah erleben

Nur wer mit dem Zelt unterwegs ist, kann auch die entlegenen Abschnitte des Lykischen Weges erkunden. Dort, wo es keine Ortschaft gibt und wo die letzten Anzeichen menschlicher Besiedlung lange überwuchert sind. Etwa im antiken Sura, dessen Hafen heute versandet ist. Ein Apollo-Tempel steht dort, wo früher das Salzwasser an die Kaimauer schwappte. Einige Meter weiter fließt Frischwasser aus dem Felsen, und es riecht beißend nach Schwefel. Hier saß einmal ein Priester des Apollo-Tempels und befragte das Fisch-Orakel, das in der antiken Welt weithin bekannt war - selbst Plinius und Plutarch berichten davon. Heute ist alles überwachsen und unzugänglich, wir sind allein.

Es vergeht kaum ein Tag auf dem Lykischen Weg, an dem man nicht auf Spuren vergangener Kulturschichten stoßen kann, seien es lykische Nekropolen, römische Amphitheater, byzantinische Kirchen, genuesische Festungen. Nur die bedeutendsten von ihnen sind touristisch erschlossen. Als Wanderer hat man das Privileg, sich ihnen über alte Wege aus dem Raum heraus zu nähern, statt aus klimatisierten Bussen unvermittelt in die Antike zu stolpern. Man misst mit eigenen Schritten den beschwerlichen Weg vom antiken Sura nach Myra, sieht die Akropolis über den Gewächshäusern der modernen Stadt Demre auftauchen und steigt auf einem kaum noch erkennbaren Steilpfad hinab zur Seenekropole von Myra – hier und da sind die alten Stufen noch im Fels zu erahnen.

Am Wegesrand: Antike Ruinen. (Quelle: Lomoth/Raufeld)

Seit der Lykische Weg vor acht Jahren als erster Fernwanderweg der Türkei geschaffen wurde, hat sich bei den Einheimischen herumgesprochen, dass es Ausländer gibt, die Spaß daran finden, sich wochenlang durch die unwirtliche Natur zu kämpfen. Dort im Hinterland, wohin sich sonst kaum ein Tourist verirrt, verkaufen seitdem Familien ausgehungerten Wanderern Ayran, Oliven, Brot oder Eier vom eigenen Hof. Ihnen selbst würde es wohl kaum in den Sinn kommen, eine solche Wanderung zur Ertüchtigung zu unternehmen. Der Mensch zieht sich hier immer weiter aus der Natur zurück, versucht sich aus der Abhängigkeit von ihr zu befreien und strebt nach den Segnungen des modernen Lebens.

Es verwundert kaum, dass es kein Einheimischer war, dem die Idee kam, die alten, immer weniger genutzten Ziegenpfade der Region zu einem übergreifenden Fernwanderweg zu verbinden. Die Britin Kate Clow kam 1989 in die Türkei, um Computer zu verkaufen, zog aber bald Natur und alte Wege vor. Zwei Jahre dauerte es, bis das türkische Kultusministerium überzeugt war und den Fernwanderweg 1999 genehmigte. Dem Anspruch nach alle einhundert Meter findet der Wanderer nun ein rotweißes Zeichen, Freiwillige erneuern sie jedes Jahr. Nur zögerlich kamen anfangs die ersten Wandergruppen, heute bieten Dutzende Reiseagenturen geführte Touren an, die Individualreisenden zählt niemand. Doch der Weg ist nicht überlaufen, dafür ist er zu lang: In der ganzen Woche treffen wir nur vier andere Wanderer.

So manch ein ungeahntes Hindernis kann den Wandernden überraschen. (Quelle: Lomoth/Raufeld)

Nahe den lykischen Ruinen von Aperlae treffen wir Fatih. Er hat mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet, in Bottrop. Jetzt hat er hier am Lykischen Weg einen Treffpunkt für Rucksackreisende geschaffen, das Aperlai Inn. Es gibt große grüne Sitzkissen, eine Hängematte, einen Zeltplatz ohne Schatten, vier Zimmer und ein kleines Restaurant, seine Frau kocht. Man kommt nur her, wenn man wandert oder übers Meer anreist, auch die Lebensmittel werden per Boot gebracht. Während sein Großvater auf diesem Land noch Ziegen hütete, stellt Fatih sich auf eine Zukunft im Tourismus ein. Der Lykische Weg und das Meer bringen ihm die Gäste. Wir probieren das Pilav der Gastgeberin und ziehen wieder weiter, in die Natur. Annehmlichkeiten sind auf dieser Reise rationiert, das war die Abmachung. Heute Abend wird die Isomatte wieder ausgerollt, es wird Tütensuppe und Blasenpflaster geben. Der Muezzin wird den Tag abmelden, und das Stachelschwein wird uns die halbe Nacht wach halten. Endlich Urlaub.

Text: Mirco Lomoth/Raufeld

Service

Anreise

Am besten fliegt man nach Antalya oder Dalaman. Von Antalya aus kann man in 30 Minuten mit dem Taxi nach Hisar Candir fahren und direkt loswandern. Besser ist es aber, den Weg von West nach Ost zu wandern. Dazu fährt man per Bus nach Fethiye (von Antalya vier Stunden, von Dalaman nur eine Stunde) und nimmt dort einen Bus nach Ölü Deniz, wo der Weg beginnt.

Organisierte Touren

Touren bieten Middle Earth Travel oder Kesit Tourism an:
www.middleearthtravel.com
www.kesit.com

Eine einwöchige Wanderung auf dem Lykischen Weg mit anschließender Erholung am Meer bietet Karaburun Tours an. 14 Tage kosten 1.290 Euro, Flug inklusive.
www.karaburun.de

Informationen

Türkisches Fremdenverkehrsamt:
www.reiseland-tuerkei-info.de
www.lycianway.com

Tourenbeschreibungen mit vielen nützlichen Infos. Unsere Autorin Eva Klassen ist die Strecke von Frankreich bis nach Santiago de Compostela gewandert.

... zum Jakobsweg

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