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Äthiopien: Die Kirche im Fels

Zu Fuß kommt man Äthiopien am nächsten. Auf Pilgerpfaden durch den Norden des Landes.

Der heilige Daniel, war er wohl schwindelfrei? Hatte er die Kraft, dem Sog des Abgrundes zu widerstehen, seinen Blick vom schmalen, viel zu schmalen Sims nach unten gleiten zu lassen, über 400 Meter senkrecht in die Tiefe? Oder hatte er schweißnasse Hände und einen Tremor im Knie, schlich er sich wie wir mit flachem Atem eng am Fels entlang, tastend, suchend, immer eine Hand am Stein, den Blick so geradeaus wie irgend möglich? Dann hätte sich Daniel, der Heilige, eine ganz besondere Prüfung auferlegt. Die Kapelle, in der er vor etwa 1.600 Jahren gelebt und gebetet haben soll, ist in einen Tafelberg gehauen, ein Loch in einer glatten Wand, und der Weg dorthin ist das Fegefeuer für all jene, die nicht höhentauglich sind.

Der Aufstieg zur Kapelle des Heiligen Daniels ist schwindelerregend (Foto: Thomas Heinloth/Raufeld)

Dem Himmel ganz nah

Über eine Stufe aus Basalt fallen wir ins Innere von Daniels luftiger Eremitage, wie in einen Schoß aus Stein. Und von dort aus blicken wir nun endlich auch hinaus, nach unten: Das Land der Tigray breitet sich dort aus, rotbraune Erde, in der Farbe von gebranntem Ton, durchsetzt mit Schirmakazien und Agaven, mächtigen Feigenbäumen, lehmbedeckten Hütten. Eine Herde Ziegen in der Ferne wie Insekten. Berge, die die Zeit geschliffen hat, stumpfe Kegel aus denen kathedralengleich turmhohe Zinnen ragen.

Wie von einer Kanzel sah der Heilige hinab auf die Welt, die nicht mehr seine war. „Daniel hat die Erde hinter sich gelassen, um dem Himmel nah zu sein”, sagt Aba Tessfaye, und er versteht etwas davon. Auch er lebt entrückt vom Irdischen und mitunter in den Wolken. Nur ein paar Meter tiefer als die Kapelle des Heiligen Daniel liegt seine Kirche, auf einem Hochplateau in Äthiopiens Norden, wo gelb die Kakteen blühen: Debre Maryam von Korkor, wo Aba Tessfaye orthodoxer Hohepriester ist - und Eremit.

Ein Leben jeglicher Weltlichkeit entsagend leben die Priester in den Klöstern der Tafelberge Äthiopiens (Foto: Thomas Heinloth/Raufeld)

Aba Tessfaye tritt in Daniels Fußstapfen

Mit 14, als Priesterschüler noch, ist er hierher gezogen. Jetzt ist der Bart auf seinen schwarzen Wangen grau, und die Soutane wird nie mehr so weiß, wie sie vor Jahren einmal war. „Für mich“, sagt Aba Tessfaye, „ist das ein ganzes Leben hier. Für Debre Maryam bin ich nur eine kleine Episode”.

Auch seine Kirche steht schon seit über 1.600 Jahren: von außen wie ein eilig an den Fels geklebter Holzverschlag, doch innen öffnet sich ein erstaunlich weiter Raum, tief in den Berg geschlagen, eine dreischiffige Basilika, höhlenartig und organisch, doch voller Symmetrie. Bar jeden Prunks ist diese Kirche, da sind nur blasse Malereien an der Wand, Adam und Eva neben einer Schlange. In einer Ecke Weltliches: Feuerzeuge, Wasserflaschen, eine nackte Glühbirne an einem Draht, doch nichts nimmt dem Raum von seiner Erhabenheit.

Jeden Morgen liest Aba Tessfaye hier die Messe, meist für sich allein. Zu den großen Feiertagen aber kommen sie von weither angereist, Pilger aus dem ganzen Land, und am 6. November, dem Tag des Heiligen Daniel, stehen sie zu Hunderten vor der Kirche, weil drinnen schnell kein Platz mehr ist, um im jahrtausendealten Staub zu knien.

Das Santiago de Compostela von Äthiopien

Von Wallfahrern durchschritten wird der Norden Äthiopiens beinahe schon so lange, wie es Christen gibt. So wie sich Europas Gläubige aufmachten nach Santiago de Compostela, pilgerten Reisende aus Nahost nach Lalibela, wo der gleichnamige König nicht weniger erschaffen lassen wollte als ein zweites Jerusalem. Zwölf Kirchen schlug er in den weichen, roten Fels aus Tuff erdwärts in den Boden.

Jedes Gotteshaus ein Stein: Portale, Pfeiler, Treppen, Simse, Schwellen, Fenster und Altäre, wie ein Negativ im Fels. Und in den Nischen rund um die Georgs-Kirche liegen noch die mumifizierten Gebeine derer, die von einem Jerusalem ins andere zogen, wo sie starben, nach einem langen Marsch. Sie zogen durch ein Land, das biblisch ist, noch immer. Bauern, die sich ihre strohbedeckten Hütten mit dem Vieh teilen. Ochsen vor Pflugscharen aus Eukalyptusholz, die die harte, rote Erde auf den Terrassen brüchig machen für die nächste Hirsesaat. Barfüßige Hirten, aufrecht, durchgestreckt, mit federnd stolzem Gang, die über das weite Land Zebu-Rinder treiben.

Gotteshaus in rotem Tuff: Die Georgs-Kirche in Lalibela (Foto: Thomas Heinloth/Raufeld)

Heilige Quelle als Pilgerstätte

Zu Fuß kommt man Äthiopien am nächsten, und so pilgern wir ein Stückchen mit. Folgen einem alten Mulipfad zwei, drei Stunden aufwärts, bis zur kleinen Kirche Asheten Maryam, weit über Lalibela, vorbei an kargen Ziegenweiden, Viehdung-Pyramiden, Bohnenfeldern. Wie immer laufen Kinder mit, aufgeregt und hoffnungsvoll: Vielleicht kauft ein weißer Wallfahrer ja lauwarme Mirinda-Limonade oder ein kleines Messingkreuz. Am nächsten Tag begleitet uns ein Trauerzug.

Wehklagen und Gesang, eine Prozession im Gleichschritt, die Männer mit stolz geschulterter Kalaschnikow, die Frauen mit ornamentbesetzten Sonnenschirmen, mittendrin ein aufgebahrter Leichnam, in roter Seide aufgeputzte Pferde, Weihrauchduft. Die Trauernden und wir haben das gleiche Ziel: Neakuto Leab, ein Gotteshaus im Schatten eines Tafelbergs, gesäumt von Pfefferbäumen und berühmt für seine Quelle, die ein Weihwasser-Becken füllt. Nie ist sie vertrocknet seit dem 13. Jahrhundert.

Der Priester schlägt die Trommel für die Trauernden und liest die Totenmesse, dann hat er Zeit, den weit gereisten Besuchern seinen Kirchenschatz zu präsentieren: die Ziegenleder-Bibel, seine Priesterkrone und das wuchtige Handkreuz: „Ein Geschenk von Kaiser Johannes IV.”

Gesetze des heiligen Gotteshauses

Seine Kirche kauert sich unter einen Vorsprung und ist halb in den Fels geschlagen. Äthiopiens Gotteshäuser lehnen sich meist an einen Berg. Mal sitzen sie tief im Stein, mal sind sie eine Höhle, und mitunter thronen sie ganz oben, krönen einen Gipfel oder ein Hochplateau wie das berühmte Kloster Debre Damo im staubigen Gebirgsland an der Grenze zu Eritrea. Elf Kilometer sind es von der Piste bis zum Klosterfelsen, eine angemessene Pilger-Strecke durch Gestrüpp, wilde Oliven und Wacholder.

Am Fuß des Felsens ist Endstation für Frauen. Debre Damo ist eine Männerwelt und eine uneinnehmbare Insel. Das letzte Wegstück ist eine 16 Meter hohe Wand, glatt und senkrecht. Wer nach oben will, wird in eine Lederschlinge eingebunden, an einem Hanfseil zerren Priesterschüler die Pilger nach oben.

An diesem Tag steht Defar oben an der Kante und erklärt den Besuchern die Kloster-Regeln: Wie immer keine Schuhe in den Kirchen, angemessene Kleidung, Rauchverbot. Fotografiert werden dürfen die jahrtausendalten Fresken, die Hühner und die Affen, nicht aber die Rinder und die Mönche. „Eben nichts, was heilig ist”, sagt Defar.

Ein Leben fernab jeglicher Zivilisation und Weltlichkeit leben die Mönche in den Bergen von Äthiopien (Foto: Thomas Leonhardy - Fotolia.com)

Willensstärke gegen das Weltliche

Kürzlich ist er 15 Jahre alt geworden, was mit dem Rest seines Lebens wird, hat Defar längst entschieden: Bald wird er sich zum Priester weihen lassen, später dann das weiße Ornat mit dem gelben Umhang der Mönche tauschen und für immer oben auf dem Felsen bleiben, wie Daniel, der Heilige. Ein Leben ohne Mädchen, ohne Popmusik, ohne Schokolade oder mal ein Bier?

Defar hat keine Zweifel. Steht ganz am Rand des Tafelberges an der Abbruchkante wie an der Reeling eines weltentrückten Schiffs, sieht übers weite, hellbraun gescheckte Land hinaus, dem Schattenspiel der Wolken zu. „Das ist ein Ort, zu dem so viele pilgern”, sagt er. „Und ich bin schon da.”

Nützliche Informationen

Fremdenverkehrsamt
Ethiopian Tourism Commission
Postadresse: P.O.Box 2183
Meskel Square
Addis Ababa
00251 1 – 517470

Vertretung in Deutschland
Botschaft der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien
Boothstraße 20 a
Berlin
0049 (0)30 – 77 20 6-0

Generalkonsul der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien
Mendelsohnstraße 51
60325 Frankfurt am Main
0049 (0)69 – 97 26 96 0

Reisezeit

Die Temperaturen sind vor allem in den Hochlagen durchweg angenehm, im Juli und August ist Regenzeit.

Pilgerreisen
Wer auf eigene Faust in Äthiopien pilgern will, sollte viel Zeit und noch viel mehr Abenteuerlust mitbringen. Das Land ist nach wie vor auf Touristen kaum eingestellt. Daher buchen die meisten Gäste bei einem Veranstalter.

Veranstalter
ASA
Gebeco
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Wikinger Reisen

Text: Thomas Heinloth/Raufeld

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Tourenbeschreibungen mit vielen nützlichen Infos. Unsere Autorin Eva Klassen ist die Strecke von Frankreich bis nach Santiago de Compostela gewandert.

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