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Wattwanderland Cuxhaven: Vom Badekarren zu Deutschlands größtem Nordseeheilbad

Einladend: Cuxhavens Grünstrand in der Grimmershörner Bucht
Grimmershörn, Cuxhaven

Zu Fuß, zu Pferd oder mit der Kutsche ins Watt

Dreizehn Kilometer nordwestlich von Cuxhaven erhebt sich Neuwerk aus dem Wattenmeer. 35 Bewohner leben auf Deutschlands kleinster Nordseeinsel in der Elbmündung. Einsam sind sie nicht. Bei Ebbe und Niedrigwasser strömen jährlich rund 140.00 Gäste vom Festland zu Besuch über den von vielen Prielen durchzogenen Meeresboden. Sie kommen mit Kutschen, zu Pferd, zu Fuß oder mit der Fähre. Von zwei Kaltblütern gezogen, braucht die „Wattenpost“ ab Cuxhaven-Duhnen für eine Strecke 1,5 Stunden.

Das Watt ist tückisch. Mannshohe Busch- und Rettungsbaken weisen den rechten Weg. Das gelbe Logo mit dem schwarzen Posthorn ist Programm. Zweimal wöchentlich hat Kutscher Jan Brütt den Postboten mit an Bord. Uneingeweihte Landratten staunen: Karten, Briefe, Päckchen und Pakete tragen eine Hamburger Postleitzahl. Obwohl das Zentrum der Metropole 100 Kilometer elbaufwärts entfernt liegt, zählt Neuwerk mit den Vogelschutzinseln Scharhörn und Nigehörn seit 1969 zum Verwaltungsbezirk HH-Mitte.

Der Weg von Cuxhaven durchs Watt zur Insel Neuwerk ist durch Pricken gekennzeichnet
Insel Neuwerk vor Cuxhaven

Mehrfach in seiner langen Geschichte wechselte Hamburgs Exklave im heutigen Nationalpark Weltnaturerbe Niedersächsisches Wattenmeer seine Besitzer. Bereits im 13. Jahrhundert festigten sie ihre Position auf Neuwerk mit einem Wehrturm als Seezeichen und Schutz gegen Strandräuber. 1939 wurde die Insel preußisch, nach dem zweiten Weltkrieg niedersächsisch. Längst ist alles wieder wie zuvor.

Die meisten Ausflügler bleiben nur eine Stunde, passen den Aufenthalt dem großen Naturschauspiel des ständigen Wechsels der Gezeiten an. Dann herrscht Gedränge im Dorf rund um den 39 Meter hohen Leuchtturm, wird es laut auf dem Friedhof der Namenlosen, wo einst die angeschwemmten Leichen der Schiffbrüchigen beigesetzt wurden. In dieser Saison dürften es weit mehr Tagesgäste werden. Nachbar Cuxhaven feiert 200 Jahre Nordseeheilbad. Da schnuppert mancher Gratulant nebenbei noch eine Prise Inselluft.

In Cuxhaven allgegenwärtig: Möwen... und mit etwas Glück auch ein Wattwurm
Möwe und Wattwurm im Cuxhavener Watt

Vier Kilometer Flaniermeile: Cuxhavens neue Strandpromenade

Zum Jubiläum hat sich die Kurstadt prächtig aufgeputzt. Nach drei Jahren Winterbauzeit präsentiert sich die wellenförmig gepflasterte Strandpromenade pünktlich zum Fest im neuen Kleid. Über vier Kilometer führt sie vom Seezeichen „Kugelbake“ über das Thalassozentrum „Ahoi“ bis zum FKK-Strand bei Sahlenburg, eine barrierefreie Flaniermeile mit vielen Bänken und freier Sicht auf die Badestrände von Döse und Duhnen, Watt und Weltschifffahrtsweg Elbe.

Wie Perlen an einer Kette reihen sich an der Landseite wie Kurpark mit Zoo, „Fort Kugelbake“, Meerwasserfreibad Steinmarne oder „Adventure Golf“ aneinander. Ferienappartements und Hotels prägen die quirlige Einkaufs- und Partyzone rund um die Strandstraße hinter dem Deich. Wo heute das Herz des Kurbads schlägt, herrschte vor 120 Jahren noch gähnende Leere. Das sollte sich ab 1896 ändern. Aus dem ersten Haus, einem kleinen bescheidenen Hotel, entstand das „Strandhotel Duhnen“, eine der führenden Adressen am Platz.

Strandhotel Duhnen direkt an Cuxhavens Strandpromenade (Fotos: Kamp Hotel/Nordseeheilbad Cuxhaven)
Strandhotel Duhnen und Cuxhavens Strandpromenade

Sportlich in Cuxhaven: Klettern, Kitesurfen und Rad fahren

und Langeweile gibt es in Cuxhaven nicht. Kitesurfer können an ausgewiesenen Stellen mit Wind und Wellen spielen. Vom Wernerwald in Sahlenburg bis zu den Küstenheiden locken 60 Kilometer Reitwege. Ein besonderes Erlebnis ist der 12,5-km-Ritt nach Neuwerk. Beim „Duhner Wattrennen“, dem reitsportlichen Großereignis der Nordseeküste, starten bis zu 150 Traber und Galopper, verwirbeln mit Hufen und Rädern Fontänen aus Wasser, Sand und Schlick. Der weltweit einzige Rundkurs auf dem Meeresboden wird mit wenigen Unterbrechungen seit 1902 immer im Sommer ausgetragen.

Radler finden ein 100 Kilometer langes Paradies, das bis ins angrenzende „Cuxland“ beliebig ausgedehnt werden kann. Der kürzlich eröffnete Kletterpark bietet einen eigens für Kinder geeigneten Seeräuber-Parcours zwischen schattigen Bäumen. Kids sind überall in Cuxhaven willkommen. Die lustigen Maskottchen „Cuxi“ und „Jan Cux“ laden sie zu Spiel und Spaß an 30 Kilometer Strand, Marsch und Geest ein. Da kommt selbst zur Hochsaison kein Gedränge auf.

Rad fahren in Cuxhaven

Original Thalasso: Heilkraft aus dem Meer

Aufwendig erneuert und mit noch mehr therapeutischen Einrichtungen aufgewertet wurde das Thalassozentrum „Ahoi“. Es bezieht seine heilende Kraft aus dem Watt vor der Tür. Pumpen leiten das Wasser bei Flut direkt ins Haus. Kurdirektor Erwin Krewenka, seit zwölf Jahren Experte vor Ort: „Meerwasser ist neben Algen und Schlick ein unentbehrlicher Bestandteil der original Thalassotherapie. Immer mehr Kurgäste entscheiden sich für die Meeresheilkunde bei Erkrankungen der Atemwege, der Haut und des Stützapparats, wie auch bei Allergien, Stress und Burn-Out.“

Die zum Jubiläum angebotene „Cuxhavener Thalasso-Kurwoche“ soll das Interesse noch verstärken. Sechs Einzel- und zwei Gruppenanwendungen werden unter badeärztlicher Begleitung auf die speziellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt.

Terrasse mit Meerblick im neuen Thalassozentrum ahoi (Fotos: Nordseeheilbad Cuxhaven)
Thalassozentrum ahoi in Cuxhaven

Auf zwei Stockwerke erstrecken sich lichtdurchflutete Behandlungs- und Gymnastikräume, Bäderabteilungen, Spa, Sauna und Wellnessbereich. Von der Liegeterrasse hoch oben bietet sich ein fantastischer Blick auf das Watt und die mit dem Wellenbad verbundene Badelandschaft mit Strömungskanal, Whirlpool, Therme und 65-Meter-Riesenrutsche. Was 1816 mit einem Warmbadehaus und einem Karrenbad begann, wurde zur Erfolgsgeschichte. Aus kleinsten Anfängen entwickelte sich Cuxhaven zu Deutschlands größtem Nordseeheilbad mit 3,5 Millionen Übernachtungen. Gesundheitsurlaub mit der Familie spielt dabei eine wichtige Rolle.

Im Reich der gesunkenen Schiffe:  Museum „Windstärke 10“

Museum Auf Erfolgskurs steuert auch „Windstärke 10“. Die Bestände des ehemaligen Fischerei- und Wrack-Museums bildeten den Grundstock für die 2013 eröffnete außergewöhnliche maritime Dokumentation. An historischer Stätte, einem stillgelegten Fischpackbetrieb im Hafen, wird der Alltag der Seefahrt konserviert. Zwei miteinander verbundene Hallen, 80 Meter lang und zehn Meter hoch, künden von harter Knochenarbeit am Bord, vom steten Kampf mit den Elementen, von Schiffbruch und Havarien. Die Geschichte der Cuxhavener Hochseefischerei kennt viele Beispiele. Bis 1939 waren noch 100 Fischdampfer weit in den Fanggründen des Atlantiks unterwegs, wochenlang und oft ohne Wiederkehr.

Spannend für die ganze Familie: Besuch im Museum „Windstärke 10“ (Fotos: Kellerfotografie)
Museum Windstärke 10 in Cuxhaven

Wie es dort zuging, vermittelt der fesselnde Film einer multimedial unterstützten Fangfahrt so realistisch, als wäre man selbst dabei gewesen. Ein hölzerner Schiffsgrundriss suggeriert die bedrückende Enge der Wohn- und Arbeitsquartiere. Es mangelt an Schlaf und Körperhygiene. An den Wänden ringsum tobt die wogende See. Wie ein Spielball tobt das Schiff auf haushohen Wellen.

Eine andere Abteilung zeigt eine Seekarte der Deutschen Bucht, von unzähligen Kreuzen markiert, jedes einzelne für ein gesunkenes Schiff. Die meisten Opfer in diesem gefährlichen Fahrwasser forderte der Untergang der „Cimbria“. Am 19. Januar 1883 kollidierte der englische Dampfer „Sultan“ mit dem deutschen Hapag-Auswandererschiff vor Borkum. 473 Passagiere der „Cimbria“ ertranken in den Fluten. Die aus dem Fundus des Wrackmuseums übernommene mächtige Schiffsschraube ist Teil eines imaginären Tauchgangs in 360°-Position.

Museumsleiterin Dr. Jenny Sarrazin: „Wir zeigen keine Romantik, sondern die raue Wirklichkeit.“ Ein stimmiges Konzept, wie die Besucherzahlen von 45.000 und 47.000 der ersten beiden Jahre beweisen. Kinder gehen als Leichtmatrosen auf Museumstour, lernen Knoten und morsen und heuern mit einem Stempel im Seemannsbuch ab.

Wandern im Weltnaturerbe Wattenmeer

Wattenmeer-Geheimnisse auf drei Etagen

Die Geheimnisse von Ebbe und Flut enthüllt das neue Weltkulturerbe Wattenmeer-Besucherzentrum direkt am Sahlenburger Strand. Nach nur neun Monaten Bauzeit im Oktober 2015 eröffnet, löst es das alte Haus ab, das dem Andrang von 90.000 Besuchern nicht mehr gewachsen war. Das markante Bauwerk aus Holz und Glas bietet auf drei Etagen genügend Raum für Seminare, Schüler-Workshops und Bibliothek.

Den lokalen Schwerpunkt der Dauerausstellung auf 500 Quadratmetern bilden die Cuxhavener Küstenheiden. Seewasseraquarien, ein flutbares Tidenmodell und andere Installationen demonstrieren die Vielfalt von Flora und Fauna. Zu den fünf festen Mitarbeitern zählen zwei Meeresbiologen. Freiwillige Helfer aus dem Sozialen Jahr ergänzen die Crew, die auch Ehrenamtler zu zertifizierten Wattführern ausbildet.

Alles Wissenswerte über Tiere und Pflanzen vermittelt das neue Cuxhavener Wattenmeer-Besucherzentrum
Cuxhavener Wattenmeer-Besucherzentrum

Schiffe gucken in Cuxhaven

„Ship Watchers“ interessieren sich dagegen mehr für den Weltschifffahrtsweg hinter dem Watt. Für sie ist Cuxhaven die erste Adresse. Nirgendwo sonst fahren Ozeanriesen und Supertanker so dicht an Land vorbei, dass man sie beim Fotografieren und Filmen fast mit den Händen streicheln kann. Alles was elbaufwärts Kurs auf Hamburg nimmt oder von dort in See sticht, muss hier vorbei. Fast 60.000 Schiffe sind das pro Jahr.

„Ship Watcher“ haben für ihre Trophäensammlung allerdings meist nur die dicken Pötte im Visier, sichern sich schon Wochen voraus den besten Standort. Heiß begehrt ist die erste Reihe auf dem Wohnmobilstellplatz Fährhafen Grimmershörn. Nur nackter Beton, kein bisschen Grün. Macht nichts! Was tut der Mensch nicht alles für sein Hobby…

Ideal für Shipwatcher: Ganz nah ziehen die Schiffe vorbei an Cuxhavens Wahrzeichen – der Kugelbake
Cuxhavens Kugelbake

Text: Karl-Hugo Dierichs

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion Wandertouren-Magazin.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Die Recherche wurde unterstützt durch die Nordseeheilbad Cuxhaven GmbH.

15 Wanderrouten von Aachen bis nach Trier von Jörg Paschke.
1. Auflage 2014

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