Wandertouren-magazin.de

werbepartner info
Anzeige

Wanderung zum Hochplateau Pescocostanzo in der Region Abruzzen

Von Sulmona bis nach Pescocostanzo: Auf den Spuren der Normannen und des Franz von Assisi durch die wilden Abruzzen

Eine Streckenbeschreibung auf dem Erzengel-Michael-Weg: Die folgende sehr lange Etappe ist die längste des gesamten Erzengel-Michael-Weges, wenn wir den asphaltierten Wegen folgen, wie es sich bei schlechtem Wetter empfiehlt. Die Strecke ist jedoch so suggestiv und einsam, dass uns der Asphalt gar nicht stört. Die Überraschung beim Erreichen des Hochplateaus von Pescocostanzo ist groß: Sind wir etwa auf Hochalmen in der Schweiz, in Österreich oder in Südtirol gelandet?

Bei schönem Wetter gibt es eine Alternative, die um 9 km kürzer ist und durchwegs auf Steigen, durch Almwiesen und auf Feldwegen verläuft. Giuseppe vom B&B La Rua in Pescocostanzo hat diese Alternative markiert. Es handelt sich um sehr einsame Wege, die teilweise als solche kaum erkennbar und daher bei Nebel oder Regen nicht zu empfehlen sind.

Der Erzengel-Michael-Weg

Dieser Beitrag stammt aus dem Buch von
Angela Maria Seracchioli
Der Erzengel-Michael-Weg
Auf dem ältesten Pilgerweg Italiens nach Monte Sant´Angelo am Gargano
Tyrolia Verlag
ISBN 978-3-7022-3427-0
192 Seiten, 21,95 EUR

mit freundlicher Genehmigung des Tyrolia Verlags

Buch bei amazon bestellen ...hier

Variante A:

Über die breite Hauptgasse gelangen wir zum großen Platz mit den Bögen der alten römischen Wasserleitung und gehen geradeaus weiter bis zum Stadttor. Weiter über den Viale Mazzini, immer noch geradeaus, an einer Tankstelle vorbei und leicht links in Richtung Pacentro. Über die Via Monte Santo an der Kapuzinerkirche vorbei, geradeaus weiter die Schnellstraße überqueren und den Schildern in Richtung Cansano und Pacentro folgen. Am Friedhof vorbei, auf der anderen Straßenseite ist ein Brunnen. (Variante B zweigt hier nach rechts ab.) Nach weiteren 1,5 km, die leicht ansteigen, befindet sich nach einer Kurve und einem Straßenschild mit der Nummer 57 rechts über einem Olivenhain die Grotte Sant’ Angelo in Vetuli. Die Schönheit dieser leider verlassenen Grotte belohnt die Mühen, die es kostet sie zu finden.

Im Wald von Sant’ Antonio (Foto: Angela Seracchioli)
Wald von Sant’Antonio

Nach weiteren 2 km gehen wir bei einer Abzweigung mit großem Kreuz nach rechts. Das überaus grüne und stille Tal wird zunehmend enger und einsamer, je höher man hinaufkommt. In einer Rechtskurve zweigt ein Karrenweg geradeaus ab, der ein wenig Asphalt sparen lässt: der Weg verläuft im Talboden und weiter oben kann man über eine steile Böschung wieder die Straße erreichen. Bei den ersten Häusern in Cansano angelangt, bleiben wir unten auf der Straße, die nach Pescocostanzo führt.

Die Straße steigt in langen Kehren und ebenso langen Geraden an und die Landschaft und das Panorama werden immer weiter. Immer wieder kann man Abschnitte der Eisenbahnlinie Carpinone-Sulmona sehen, die höchste Italiens, die mit ihren vielen Galerien und Viadukten einer Modellbahn ähnelt. Sie wurde vor kurzem als Nostalgiebahn wieder in Betrieb genommen. Die Fahrt kostet 35 Euro und lohnt sich.

Die Einsiedelei San Michele in Pescocostanzo

Die wunderschöne Einsiedelei San Michele Arcangelo liegt am Fuße des Monte Pizzalto, nur einige Kilometer nördlich von Pescocostanzo. In einer Bulle von Papst Luzius III. aus dem Jahr 1183 wird sie erstmals erwähnt, erbaut wurde sie aber schon viel früher: In unmittelbarer Nähe wurde ein Friedhof der Langobarden freigelegt.

Das Zentrum der Einsiedelei war die Michaelsgrotte, zu der eine Quelle gehört. Sie lag am Weg, den Wanderhirten mit ihrem Vieh benutzten. Es wird vermutet, dass eine Mönchsgemeinschaft der Benediktiner hier in 13 Grotten-Zellen, die auf dem Hügel verstreut sind, zurückgezogen gelebt hat.

Die Grotte diente aber auch den Wanderhirten als Unterschlupf und erinnert von ihrer Größe her an jene am Gargano. Die Inschrift über einem Eingangstor erinnert an Restaurierungsarbeiten, eine zweite ist dem Erzengel gewidmet: „Göttlicher Anführer, lass uns keinen Schaden nehmen“. Der idyllische Ort auf einer Höhe von 1300 m lädt zum Verweilen ein.

Am Fuße des Monte Pizzalto liegt die Einsiedelei San Michele Arcangelo (Foto: Angela Seracchioli)
Einsiedelei San Michele in Pescocostanzo

Schon bald beginnt der Anstieg zwischen den mächtigen Buchen des uralten Sant’ Antonio-Waldes. Wir erreichen die großen Weideflächen mit den  Almhütten, in denen der berühmte Caciocavallo-Käse hergestellt wird. Am Beginn der großen Almweiden befindet sich auf der linken Straßenseite, entlang eines Karrenweges, die kleine Einsiedelei Sant’ Antonio, vorher noch das Gasthaus Sant’ Antonio, das im Sommer geöffnet hat. Die Einsiedelei liegt an der Via Numicia, einer antiken Römerstraße.

Die Straße führt uns nun eben und gerade quer durch das große Almgebiet, auf rund 1300 m Seehöhe. Fast am Ende der Hochebene liegt rechts am Hügel das Städtchen Pescocostanzo. Wir folgen dem Hinweisschild links zur Einsiedelei San Michele und gelangen nach 500 m zur Grotte. Um nach Pescocostanzo zu gelangen, gehen wir von der Grotte aus links ca. 1 km weiter und biegen dann rechts in den Feldweg, der ins Städtchen führt.

Variante B:

Bis zum Friedhof folgen wir der Beschreibung von Variante A. Am Friedhof vorbei, ca. 300 m, bei einem Brunnen auf der rechten Seite rechts abzweigen. Das Sträßchen wird bald zum Feldweg und zieht sich angenehm ansteigend durch Olivenhaine an der linken Talseite aufwärts. Achtung: Bei einem verfallenen Haus (am Haus wurde falsch markiert!) angelangt, links ohne Steig über die Wiese kurz den Hang hinaufsteigen, dort beginnt ein wunderschöner schmaler Steig, der den Hang entlangführt. Der Steig führt dann im Zickzack höher an Elektromasten entlang, bis er in ein breites grasbewachsenes Tal mündet, in dem die Elektromasten und die gelben Pfähle der Gasleitung die Richtung vorgeben.

Sant' Angelo in Vetuli und der Michaelskult der Langobarden

Nicht direkt an unserem Weg, aber in dieser Gegend (verborgen im Wald in der Nähe von Pacentro) liegt ein weiteres Michael-Heiligtum, wieder eine Grottenkirche, von der leider nur Teile erhalten sind.

Aber bei aller Renovierungsbedürftigkeit haben die Ruinen des Grottenkirchleins etwas Würdevolles mit dem Rundbogen über dem Altar und den beiden Seitenbögen, die auf dorischen Säulen ruhen. Von besonderer Schönheit sind die frühchristlichen Ornamente mit den Symbolen Sanduhr und Fisch.

Wie in allen dem Erzengel Michael geweihten Grotten findet man auch hier ein kleines Becken zum Sammeln des Wassers. Die örtliche Bevölkerung erinnert sich noch an die Pilgerzüge, die anlässlich der Gedenktage des hl. Michael am 8. Mai (Fest der Michaelserscheinung am Monte Gargano) und am 28. September die Wanderhirten auf ihrem Weg von Apulien in die Abruzzen und zurück hier vorbei brachten. Mit dem Ende der Transhumanz ist auch der Pilgerweg in Vergessenheit geraten.

Der Michaelskult in dieser Gegend geht vermutlich auf die Langobarden zurück, bei denen der Erzengel eine besondere Verehrung erfuhr. Dafür spricht die Tatsache, dass sie viele Kirchen dem hl. Michael geweiht haben, in ihren Herzogtümern Spoleto und Benevent, aber etwa auch die Kathedrale in ihrer Residenz Pavia, wo ihre Könige gekrönt wurden. Ob Michael bei den Langobarden den germanischen Kriegsgott Wotan abgelöst hat, wird von Historikern kontrovers diskutiert. Naheliegend ist es, zumal Michael schon in der Ostkirche als Heerführer und Feldherr verehrt und dargestellt wurde.

In einer Gesellschaft, die von Heerzügen und militärischen Strukturen geprägt war, wie jener der Völkerwanderungszeit und des frühen Mittelalters, war es von Bedeutung, auf wessen Seite der Anführer der himmlischen Heere, der Sieger gegen die Mächte der Finsternis stand.

Die Michael-Heiligtümer sind meist Grottenkirchen und oftmals nur noch Ruinen (Foto: Angela Seracchioli)
Sant’Angelo in Vetuli

Die breite Waldschneise, in der wir uns eher rechts halten, führt zuerst aufwärts, dann wieder leicht abwärts bis zu einem Zaun. Wir passieren das Gatter (wieder schließen!), überqueren weglos die Felder und gelangen auf eine schmale Asphaltstraße, in die wir links einbiegen. Nach ca. 50 m zweigen wir rechts in einen Feldweg ab. Auf diesem gelangen wir zu den Ausgrabungen Ocriticum, wo Tempelanlagen aus vergessenen Zeiten wieder aufgetaucht sind.

Wir bleiben geradeaus auf diesem Weg, der nach einem Verteilerzentrum der Methangasleitung leicht ansteigt und sich nach rechts wendet. Bei den Schildern des CAI links abzweigen und durch den schönen Wald weitergehen. Der Weg mündet in ein Feld, dem wir auf der linken Seite folgen, am Ufer eines kleinen Baches entlang. Bald taucht der Weg wieder auf, es ist die alte Römerstraße Numicia, auch Via delle penticelle genannt. Angenehm steigend führt sie uns durch einen faszinierenden Buchenwald und an uralten, moosbewachsenen Steinmauern vorbei aufwärts. Bei einem großen Brunnen (kein Trinkwasser!) und einer kleinen Schutzhütte stoßen wir auf die Straße.

An der Einsiedelei Sant’ Antonio (Foto: Angela Seracchioli)
Die Einsiedelei Sant’Antonio

Wir gehen ein paar Schritte zurück und bleiben aufwärts auf dem Waldweg, auf dem Römerweg. Der Wald mündet in grasbewachsenes Gelände, wir bleiben auf dem Steig, der zunehmend flacher wird und in die breite Talschneise mündet, die ehemals Tratturo war und an deren Ende Pescocostanzo liegt.

In die Asphaltstraße rechts einbiegen bis zum Restaurant „Il faggeto“ auf der linken Seite. Beim Restaurant führt durch ein Holzgatter der Steig in den uralten Buchenwald Sant’ Antonio und zur gleichnamigen Einsiedelei. Nach der Einsiedelei mündet der Steig wieder in die Hauptstraße, auf der wir weitergehen. Ein Holzschild zeigt uns den Weg zur Einsiedelei San Michele auf der linken Talseite, gegenüber des Städtchens Pescocostanzo. Von der Einsiedelei im Talboden links weiter, bis wir rechts abzweigend das Städtchen erreichen.

Variante für Fahrradpilger

Die Fahrradpilger nehmen die Variante A. Die Etappe ist mit 33 km zwar kurz aber anstrengend, denn sie führt ständig ansteigend bis auf 1400 m Seehöhe. Frühes Ankommen in Pescocostanzo lässt Zeit für einen ausgiebigen Bummel in diesem faszinierenden Ort.

Unterkünfte

Cansano:
- Agritur Capriccio di Giove, am Anfang der Straße zum Bahnhof, Mini-Appartements, Pilgerpreis, Tel.: 0864/40239 oder 393/0963120 oder 339/4399485 (Filomena)

- Vor der Einsiedelei Sant’ Antonio gibt es das Restaurant mit Zimmervermietung Il Faggeto, das jedoch nicht immer offen hat, Tel.: 0864/67100

Pescocostanzo:
- B&B La Rua, Via Rua Mozza 1/3, drei Brüder und eine Schwester kümmern sich liebevoll um die Pilger und sind mit Enthusiasmus für alle Pilgernöte und Pilgersorgen da. Pilgerpreis. Tel.: 0864/640083, www.larua.it

- Restaurant La Terrazza, nahe der Pfarrkirche, hervorragendes Essen zum Pilgerpreis, Tel.: 0864/640047

Sehenswürdigkeiten

Das Majella-Gebirge
Die Faszination der Majella liegt darin, dass sie seit jeher als heiliges Gebirge galt und eng mit einer Muttergottheit verknüpft ist, mit Maja, der römischen Göttin des Wachstums. Seit hier Menschen leben, ist die Majella Zufluchtsort und Lebensquell für Jäger und Hirten, Einsiedler und Räuber, Köhler und Bergleute.

1991 wurde der Majella-Nationalpark gegründet. Er hat eine Fläche von 74.000 ha, umfasst 39 Gemeinden in den Provinzen L’ Aquila, Chieti und Pescara und erstreckt sich rund um das Massiv des Majella und des Murrone im Westen und der Berge Pizi und Porrara im Osten. Der höchste Gipfel im Naturpark ist der Monte Amaro mit 2793 m.

Die Einsiedelei Sant' Antonio
Die Einsiedelei liegt in einem ca. 550 ha großen Wald, der seit 1985 als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, mit Höhenlagen um 1300 bis 1400 m. Uralte Ahornbäume, wilde Birnbäume, Eiben und Kirschbäume mischen sich in den riesigen Buchenwald. Im Herbst triumphieren die Farben und im Frühjahr erblühen hier der Enzian, die Pfingstrose und die pipactis purpurea, eine wilde Orchidee, die in Italien selten vorkommt.

Die im Mittelalter entstandene Einsiedelei des hl. Antonius von Padua liegt neben einer großen Viehweide, von Eichen etwas verdeckt. Das einfache Gemäuer mit dem kleinen Turm wurde erst kürzlich restauriert und verfügt neben der Kirche über einen Raum, in dem Eremiten lebten. Leider öffnet es nur zum Gedenktag des Heiligen am 13. Juni seine Tore. Umso eindrucksvoller feiern die zahlreichen Pilger an diesem Tag ihr Gedenken an den Heiligen und geben Zeugnis, dass sich bis heute eine tiefe Volksfrömmigkeit erhalten hat.

Pescocostanzo
Pescocostanzo ist längst kein Dorf mehr, sondern eine Kleinstadt mit einem der schönsten historischen Stadtzentren Italiens. Nicht umsonst wird es zu den schönsten Orten Italiens gezählt („I borghi più belli d’ Italia“).

Um das Jahr 1000 auf Betreiben der Benediktiner gegründet, wurde es 1456 von einem Erdbeben völlig zerstört. Der Wiederaufbau im 16. Jh. zog sich über zwei Jahrhunderte hin, brachte dann aber ein schmuckes Bergdorf hervor. In dieser Blütezeit entstanden prunkvolle Barockkirchen, elegante Palazzi und schöne Brunnen.

Mit der Zuwanderung lombardischer Handwerker erlebte der Ort auch eine kulturelle Blüte: Filigrane Gold- und Silberschmiedekunst, Spitzenklöppelei oder die kunstvolle Verarbeitung von Holz etablierten sich und wurden hier drei Jahrhunderte lang kultiviert.

Die Zahl der Kunsthandwerker hat zwar stetig abgenommen, trotzdem gibt es noch heute viele kleine Läden, in denen filigrane Goldschmiedearbeit und Spitzen zum Verkauf angeboten werden.

Von den vielen Kirchen der Stadt sollte man auf jeden Fall Santa Maria del Colle besuchen, deren Fassade zwar eher schlicht, der Innenraum aber umso prächtiger und pompöser ist. Einen Besuch wert ist auch das Museo del Merletto a Tombolo, das Klöppelmuseum, das im Palazzo Fanzago untergebracht ist.

Text und Fotos: Angela Maria Seracchioli

Alle Angaben wurden von der Autorin nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Wandertouren-Magazin.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Hinweis der Redaktion:
Diese Wanderroute stammt aus dem Wanderführer „Der Erzengel-Michael-Weg” von Angela Maria Seracchioli aus dem Tyrolia Verlag.

© Hayit Medien Köln | 2005 - 2017 Alle Rechte vorbehalten